Die Aufständischen haben Tripolis erobert. Auch wenn weiter gekämpft wird, das Regime der Ghadaffi’s ist Geschichte. Nie mehr wird die Sippschaft das Land und seine Bevölkerung ausplündern können. Welches könnten die Auswirkungen der Fall des Diktators für die Arabische Welt, aber auch für die Staaten des Persischen Golfs sein?

In Tunesien und Ägypten herrschen die Militärs nach wie vor weiter. Lediglich der Potentat wurde ausgewechselt. Dagegen hat der Aufstand in Libyen das alte Regime weggefegt. Zum ersten Mal in der neueren Geschichte der Arabischen Welt ist ein Despot durch einen echten Bürgerkrieg beseitigt worden. Auch wenn der Sturz von Gaddafi ohne die Unterstützung der NATO – Luftangriffe, die Versorgung durch Waffen aus Katar, französische Abwürfe über dem Nafusa-Gebirge für die Berber und den Einsatz britischer und französischer Spezialeinheiten – nicht erreicht worden wäre, diesen Aufstand haben junge Libyer erreicht. Dies ist ein Novum in der arabischen Geschichte. Die Zukunft für Libyen und seine Bevölkerung wird nicht einfach sein. Der Übergangsrat und seine Anführer werden die divergierenden Interessen der arabischen Stämme und der tapferen Berber aus dem Nafusa-Gebirge meistern müssen. Der Einigungsprozess dürfte langwierig sein, könnte aber zu einem föderalen Staat führen. Dieser wird eher der Kultur der Libyer entsprechen, als der unnatürliche Zentralstaat, den die italienische Kolonialmacht Italien noch durchgesetzt hatte.

Einer der unmittelbarsten Nachbarstaaten von Libyen, Algerien, wird durch ein Militärregime beherrscht. Solange zwischen den Generälen und den Offizieren Algeriens Einigkeit herrscht, dürfte ein Volksaufstand, so durch die Berber, wenig Aussicht auf Erfolg haben.

Ein weiterer Staat, in dem die Mehrheit der Bevölkerung einen Aufstand gegen die Herrschenden ausgelöst hat, ist Syrien. Die Sunniten wurden bis anhin durch das Minderheitsregime der Alawiten unterdrückt. Der Herrscher Assad versucht, wie vor ihm sein Vater, mit der durch Alawiten geführten Armee den Aufstand niederzuschlagen. Der Aufstand wird durch die sunnitische Regierung der Türkei und das Königshaus der saudischen Wahhabiten aus religiösen und geopolitischen Gründen unterstützt. Beide erhoffen sich durch einen Sturz des alawitischen Regimes eine Schwächung der strategischen Stellung des schiitischen Irans. Der Iran wiederum setzt alles daran seinen Verbündeten Assad zu stützen. Aber auch Israel und seine westlichen Förderer haben nur ein geringes Interesse am Sturz von Assad und an der Bildung eines sunnitischen Syriens. Der Aufstand in Libyen könnte aber den syrischen Aufstand beschleunigen.

Ein weiterer Staat, in dem die Mehrheit der Bevölkerung durch eine Minderheit beherrscht wird, ist Saudi-Arabien. Solange die Bevölkerung durch das Königshaus mit Geld und anderen Gütern zufrieden gestellt wird, besteht keine Gefahr für die Prinzen. Sollte aber eines Tages der Geldsegen aus dem Erdöl nicht mehr sprudeln, dann wird sich das Volk und mit ihm die Streitkräfte gegen die Herrscher erheben. Ist das saudische Königshaus beseitigt, dann sind auch die Tage ihrer Vasallen, die Haschemiten in Jordanien, gezählt.

Ende 2011 werden die amerikanischen Streitkräfte den Irak verlassen. Die schiitische Regierung von Al Maliki wird sich selbst schützen müssen. Bereits heute haben die Anschläge von Al-Kaida im Irak zugenommen. Mit seiner schiitischen Anhängerschaft wird sich Al Maliki an der Macht halten können.

Der libysche Aufstand könnte aber als Initialauslöser für einen Umsturz im Iran dienen. Seit einem Jahr ringen Präsident Ahmadinejad und der Religionsführer Khamenei um die Macht über den Iran. Denkbar ist, dass Ahmadinejad für die Beseitigung der Theokratie die Armee einsetzt. Ein Sturz der iranischen Ajatollahs und Mullahs dürfte aber kaum zu einem demokratischeren Iran führen.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt und letztendlich ist der libysche Aufstand für den arabischen Raum als einzigartig zu bezeichnen.

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