Dieser Beitrag zum Manifest von Breivik erschien im Sonntagsblick vom 31.7.2011.

Albert A. Stahel (68) ist Experte für Terrorismus, Militär- und Sicherheitspolitik. Für SonntagsBlick analysiert er das 1512-Seiten-Manifest des Massenmörders Anders Behring Breivik (32).

1. Zwei Faktoren muss man bei Breivik ernst nehmen. Erstens seine Ideologie, die nicht im Rechtsnationalismus, sondern im christlichen Fundamentalismus wurzelt. Sein Manifest nimmt viele Argumente der wiedergeborenen Christen auf. Dazu gehört auch die These, dass die Welt erst erlöst sein wird, wenn alle Juden in Israel versammelt sind. Und wie der christliche Fundamentalismus prangert auch Breivik ausschweifende und hemmungslose Sexualität an. Diese Art des Denkens breitet sich nicht nur in den USA, sondern auch in Asien und Europa rasant aus. Dass dies bei uns noch gar nicht wahrgenommen wird, halte ich für gefährliche Ignoranz. Zweitens ist die terroristische Einsatz-Taktik, die Breivik in seinem Manifest beschreibt, hoch effizient. Das zeigt, dass er nicht einfach ein Spinner oder Irrer ist, sondern ein intelligenter Terrorist.

2. Breivik handelte bewusst als Einzeltäter. In seinem Manifest beschreibt er die Einmannzelle für einen Terroranschlag als die sicherste, da es keine Mitwisser gibt. Damit hat er recht. Deshalb ist sein Aufruf, es ihm gleichzutun und die verhassten Multikulti-Sozialisten per Massenmord zu eliminieren, nicht zu unterschätzen. Attentate heute oder morgen schliesse ich aus. Aber mit der Ausbreitung des christlichen Fundamentalismus in Europa – analog zu den Erfolgen der Tea Party in den USA – werden sie mit Sicherheit kommen. Weitere Anschläge wie in Oslo mit dem Ziel einer Re-Katholisierung Nordeuropas sind deshalb nicht auszuschliessen. Breiviks detaillierte Bombenbaupläne machen es eventuellen Nachahmern leichter, solche mörderischen Attentate zu realisieren.

3. Ich habe bis jetzt nicht erlebt, dass Einzelne ein vergleichbares Studium der terroristischen Taktik unternommen haben, wie dies Breiviks Manifest nahelegt. Interessant ist, dass er sein Wissen von den Marxisten übernommen hat – seinen Hauptfeinden. Er beschreibt Guerilla-Taktiken der deutschen Rote Armee Fraktion (RAF), von Che Guevara und aus dem Handbuch von Carlos Marighela über die Stadtguerilla. Der Brasilianer gilt als bedeutendster Vertreter der These, die Guerilla müsse vom Land in die Grossstädte geführt werden.

4. Breivik hat sein Terrorkonzept waffentechnisch der heutigen Zeit angepasst. Das zeugt von hoher Intelligenz – und macht ihn besonders gefährlich. Seine Idee der Ein- bis Zweimannzellen, die via Internet hochgefährliche Substanzen beschaffen, bereitet den Boden für Terrorattacken, welche Tausende von Toten zur Folge haben. Eine solche Wirkung zu entfalten, konnten sich die Angehörigen der RAF und anderer Gruppierungen nicht einmal im Traum vorstellen. Das Ziel bleibt das gleiche: Mit einem grossen Terroranschlag eine Initialzündung des Aufstandes zu lancieren – und Nachahmer in Marsch zu setzen.

5. Sehr beunruhigend an Breiviks Manifest ist das Konzept, Plutonium zu beschaffen, um damit Nuklearwaffen herzustellen. Ebenso gefährlich ist auch seine detaillierte Anleitung zu Anschlägen auf Atomkraftwerke. In seinem Manifest rechnet er vor, dass auf diese Weise Zehntausende von Toten zu erzielen wären. Wir dürfen uns nichts vormachen: Ob Al-Kaida-Terroristen oder christlich fundamentalistische Fanatiker wie Breivik – zum Erreichen ihrer Ziele würden sie, wenn sie könnten, durchaus Nuklearwaffen einsetzen.

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