Noch 2005 sah man auf den Strassen Kabuls Patrouillen der ISAF oder der US Army. 2011 ist dies nicht mehr der Fall; insbesondere die verschiedenen Nationen der ISAF, zu denen auch die deutsche Bundeswehr zu rechnen ist, haben sich in ihrem Hauptquartier (HQ) in Kabul verschanzt. Inmitten des HQ befinden sich ein grüner Garten mit Palmen und eine einladende Bar. An einer Feuerstelle geniessen amerikanische Soldaten ein Barbecue und Pralinen zum Dessert. Für den Besucher steht dies im krassen Gegensatz zum Strassenbild Kabuls: Bettlerinnen liegen im Dreck der Strasse und bitten um Almosen. Dieses Elend kennen viele der Offiziere und Soldaten kaum, denn das HQ gleicht einer mittelalterlichen Festung. Die Kontrolle des Haupteingangs obliegt der afghanischen Polizei.

Die Aufrechterhaltung der Sicherheit auf den Strassen Kabuls ist in der alleinigen Verantwortung der Afghan National Police. Sowohl die einfachen Polizisten wie auch die Polizeioffiziere leisten ihren Dienst pflichtbewusst. Wichtig wären für das Polizeikommando jedoch zeitgerechte Nachrichten über geplante oder erkannte Anschläge seitens der Taliban. Leider erhält das Kommando der Afghan National Police in Kabul von der ISAF nicht alle benötigten Informationen, dies obwohl die ISAF dank einem Zeppelin über Kabul und Drohneneinsätzen gut über die Absichten und Aktionen der Taliban im Bilde ist.

Dass die afghanische Polizei und der Sicherheitsdienst durch die ISAF nur lückenhaft informiert werden, hat sich beim Anschlag auf das Hotel Intercontinental in Kabul in der Nacht vom 28. auf den 29. Juni gezeigt. Die Wachmannschaft des Sicherheitsministeriums – dabei handelt es nicht um Polizisten – wurde durch die Selbstmörder und die Stosstrupps der Taliban regelrecht überrascht. Dank der rechtzeitigen Entschlussfassung des Polizeikommandanten von Kabul, Generalleutnant Salangi, konnte ein zweites Mumbai verhindert werden. Der Einsatzwagen von Salangi wurde durch die Taliban zusammengeschossen. Hier zeigte sich, dass afghanische Polizisten, sofern sie motiviert und gut geführt werden, sehr effizient sein können.

Trotz dieses positiven Berichtes darf aber nicht verschwiegen werden, dass die Lage in Kabul nicht sicher ist. Neben den immer wieder auftretenden Anschlägen der Taliban sind kriminelle Banden am Werk. So sind Raub, Mord und Entführungen keine Seltenheit. Auch auf dem Lande herrscht eine unselige Mischung von Taliban-Operationen und kriminellen Machenschaften.

Ein Beispiel hierfür ist die Verbindungsachse zwischen Maydan Shar (nach Kabul) und Qalat (vor Kandahar), die insbesondere für die Versorgung der ISAF-Truppen in Kandahar mit Treibstoff und Munition ausserordentlich wichtig ist. Diese Achse ist nach Maydan Shar mit Wracks von Tanklastwagen übersät. Einerseits erfolgen Angriffe auf diese Versorgungsachse durch Taliban aus den Provinzen Wardak, Logar, Ghazni und Zabul. Die Taliban beschiessen die Tanklastwagen mit Infanteriewaffen wie Kalaschnikows. Anderseits gibt es Fahrer, die ihre eigenen Tanklastwagen selbst anzünden und dann Prämien kassieren. Man trifft auf dieser Route auf eine Mischung von Kriminalität und Angriffen Aufständischer.

Der Süden Afghanistans ist auch das Tummelfeld der organisierten Kriminalität und der Special Forces (SOF) der Amerikaner. Die berüchtigte Einsatzart der SOF-Einheiten sind die Nightraids. In diesen Raids werden Qalas und Häuser der Paschtunen in der Nacht überfallen, Türen eingetreten und Verdächtige abgeführt oder erschossen. Vielfach werden dabei unschuldige Zivilisten – Frauen, Greise und Kinder – getötet.

Gegenwärtig beschiesst die pakistanische Artillerie afghanische Grenzdörfer in den Provinzen Nangarhar, Kunar und Nuristan. Auf diese Provokationen reagieren die Amerikaner nicht. Der Grund dafür ist einfach. Für ihren Abzug aus Afghanistan benötigen die Amerikaner die pakistanischen Achsen von der Grenze bis Karachi. Diese können jederzeit durch pakistanische Taliban unterbrochen werden. Der Rückzug durch ein feindliches Pakistan ist nicht durchführbar und würde in einer Katastrophe enden. Deshalb benötigen die US-Streitkräfte den Schutz der pakistanischen Armee auf diesen Achsen.

Aber auch Kabul reagiert nicht auf die pakistanischen Artillerieprovokationen, und zwar ganz einfach deshalb, weil der afghanischen Armee schwere Mittel wie Artillerie, Panzer und Kampfflugzeuge für eine adäquate Antwort fehlen. Bewusst haben die Amerikaner die afghanische Armee nicht mit schweren Mitteln ausgerüstet. Die Pakistani sollten nicht durch eine starke afghanische Armee provoziert werden und deren Einsatzfähigkeit soll sich auf die Bekämpfung der Aufständischen beschränken.

In einem gewissen Sinn herrscht bei den Amerikanern und ihren europäischen ISAF-Alliierten in Kabul eine Art Endzeitstimmung. So schnell als möglich wollen diese aus Afghanistan abziehen. Als Gegenleistung für die Sicherung des Abzugs soll der pakistanischen Armee bei der künftigen Gestaltung von Afghanistan freie Hand gelassen werden. Der afghanische Präsident Karzai soll, nachdem er eine willige Marionette der Amerikaner und ihrer Verbündeten war, zu einer Marionette der pakistanischen Armee degradiert werden. Offenbar hat Afghanistan als Mohr ausgedient und soll, wie bereits 1992, zum zweiten Mal an die Pakistani verraten und verkauft werden. Ob die anderen Nachbarstaaten Afghanistans den Machenschaften der amerikanischen Doppelbödigkeit zusehen werden, ist nicht sicher. Die regionale Grossmacht Indien hat bereits ihre Opposition gegen diese Absichten angemeldet.

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