Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind in verschiedenen Staaten der arabischen Welt Aufstände ausgebrochen. In Anbetracht der unklaren Lage stellt sich die Frage nach der Zukunft dieser Staaten.

Der Beginn zu dieser Entwicklung war der Aufstand in Tunesien. Trotz des Sturzes des Präsidenten Ali, der sich nach Saudi-Arabien abgesetzt hat, ist in diesem Land noch keine Ruhe eingekehrt. Immer wieder finden Demonstrationen statt – und die versprochene Demokratie ist nicht in Sichtweite.

Der nächste Staat in der Reihe ist Ägypten. Der bisherige Machthaber Mubarak ist von seinen Generalskollegen gestürzt worden. Geblieben ist aber bisher die Herrschaft der Streitkräfte. Im Prinzip existiert die Militärdiktatur immer noch – sie herrscht seit Nassers Machtübernahme 1954 – lediglich der Chef wurde ausgewechselt. Denkbar ist, dass die Generäle allgemeine und vielleicht auch faire Wahlen für das Präsidentenamt und Parlament zulassen werden. Unklar ist aber, ob alle Anwärter und alle Parteien gleich viele Chancen haben werden. Bereits jetzt wird sichtbar, dass die Muslimbrüder die besten Chancen auf die Wahlen haben werden, sind sie doch gut organisiert und vernetzt. Vor allem bei den Armen geniessen sie dank ihrer Sozialhilfe grosse Glaubwürdigkeit.
Die Machtübernahme durch die Muslimbrüder würde zu einem anderen Ägypten führen, das eindeutig unter der Herrschaft der Scharia stehen würde. In einem solchen Ägypten hätten die Christen, so die Kopten als Urägypter, das Nachsehen. Ob die Generäle eine solche Entwicklung, die auch als ein politischer Rückschritt bezeichnet werden müsste, zulassen werden, ist bis anhin nicht erkennbar. Sicher ist aber, dass das zukünftige Ägypten islamischer und damit weniger toleranter gegenüber anderen Religionen sein würde.

Der schiitische Aufstand in Bahrain gegen die sunnitischen Herrscher ist dank der militärischen Intervention der Saudis und der anderen arabischen Golfstaaten niedergeschlagen worden. Die Saudis haben nun in diesem kleinen Königreich das Sagen. Sie wollen unter keinen Umständen zulassen, dass dank einer schiitischen Machtübernahme in Bahrain die Ayatollahs des Iran, die Schutzmacht der Schiiten, ihren Einfluss auf das arabische Ufer des Persischen Golfs ausdehnen können. Dass die Führer des Irans dieses Ziel verfolgen, beruht auf den Erkenntnissen der arabischen Geheimdienste. Eine Übernahme durch die Schiiten in Bahrain würde auch die saudische Herrschaft über die eigenen Schiiten am Persischen Golf gefährden. Deren Siedlungsgebiet ist mit den reichen Erdölvorkommen Saudi-Arabiens deckungsgleich.

Kleine Demonstrationen gab es bis anhin in zwei weiteren saudischen Klientelstaaten, im Königreich Jordanien und im Sultanat Oman. Bisher ist es dabei geblieben. Beide Herrscher haben Reformen versprochen. Allerdings ist auch bei beiden Monarchien die Zukunft ungewiss. Der Sultan von Oman hat keine Nachkommen und der König von Jordanien kann sich im Prinzip nur auf die Stämme, und damit auf die Beduinen, des Landes stützen. Diese sind aber gegenüber den Palästinensern in Jordanien in der Minderheit.

In drei anderen arabischen Staaten sind die Aufstände zu eigentlichen Kriegen eskaliert. Der Aufstand in Libyen wurde zunächst von Diktator Gaddafi und seiner Armee niedergeschlagen und auf die östlich gelegene Stadt Benghasi zurückgedrängt. Gestützt auf die UNO-Resolution 1973 hat die NATO einen Luftkrieg gegen die Armee von Gaddafi zum Schutz der Aufständischen ausgelöst. Zuerst sah es so aus, als ob Gaddafi bald aufgeben würde. Seit drei Monaten dauert aber dieser Luftkrieg an und ein Ende ist nicht in Sicht. Zur Beschleunigung des Endes von Gaddafi greift nun die NATO mit Bunker-buster-Bomben die Residenzen und damit Bunker von Gaddafi an. Dieser Wechsel in der Zielplanung ist ein Zeichen für einen Wechsel in der Strategie der NATO. Bis jetzt galt es die Streitkräfte von Gaddafi zu zerstören, nun wird eine Enthauptungsstrategie verfolgt, die nach einem Tod von Gaddafi zu einem Wechsel des Regimes führen sollte. Ein regime-change wird aber nicht zwingend zu einem stabilen Libyen führen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt haben auch die Berber, die ethnische Minderheit des Landes, einen Aufstand angezettelt. Diese werden sich nach der Beseitigung von Gaddafi jedoch nicht automatisch wieder der Herrschaft der Araber aus Benghasi unterwerfen.

In Syrien versucht das Regime der Alawiten unter dem Präsidenten Beshar al-Assad mit brutaler Gewalt den Demonstrationen und dem Aufstand Herr zu werden. Die Szenen, die dabei verfolgt werden können, erinnern an den Aufstand der Muslimbrüder von 1982 in der Stadt Hama gegen Hafez al-Assad, den Vater von Beshar al-Assad. Der Aufstand der Muslimbrüder wurde damals mit Militärgewalt niedergewalzt; die Zahl der Toten belief sich auf mehrere Zehntausend. Danach herrschte Ruhe.
Die gegenwärtigen Repressionen des Alawiten-Regimes sind von den USA und der EU verurteilt worden. Sanktionen sind verhängt worden, welchen sich auch die Schweiz eilfertig angeschlossen hat. Offenbar wird dabei übersehen, dass der Sturz des säkularen Alawiten-Regimes ein Ende der religiösen Toleranz bedeuten würde und zur Machtübernahme der Islamisten in Syrien führen könnte. Die Alawiten haben bisher die christlichen Minderheiten des Landes geschützt. Ihr Sturz, dürfte mit Sicherheit zur Vertreibung der Christen führen. Der Irak kann dabei als Beispiel dienen. Saddam Hussein hat die Christen geschützt. „Dank“ der Intervention von George W. Bush gibt es jetzt fast keine Christen mehr im Irak – sie sind vertrieben oder getötet worden.

Der Aufstand in Jemen gegen Präsident Ali Abdullah Saleh eskaliert und führt langsam aber sicher in ein nicht mehr kontrollierbares Chaos der Gewalt, das sogar zum Zerfall des Landes führen könnte. Während Präsident Saleh, der bei einem Anschlag schwer verletzt worden ist, zum gegenwärtigen Zeitpunkt in einem saudischen Spital liegt, ist das Land fast führungslos und den divergierenden Interessen der Stammesführer und der Generäle ausgeliefert. Diese Situation nützt Teheran aus und versucht, die Jemeniten mittels Verleumdungen gegen die Saudis aufzuhetzen. Diese wiederum versuchen in ihrem eigenen Interesse, mit allen Mitteln einen Ausgleich zwischen den Stammesführern und den Generälen zu erreichen.

Auch in anderen arabischen Staaten bestehen soziale und politische Spannungen, die sich auch in Form von Aufständen entladen könnten. Dies trifft auf Marokko und Algerien zu. Die Herrschaft des marokkanischen Königs scheint dank seiner Abstammung vom Propheten gesichert zu sein. Dabei wird übersehen, dass die Minderheit der Berber seit Jahrhunderten von den Arabern unterdrückt wird. Mit allen Mitteln wird seitens des Staates auch heute noch versucht, die Berber zu arabisieren. Algerien ist eine kaschierte Militärdiktatur. So wurden die vermeintlich demokratischen Wahlen, die zum Sieg der Islamisten geführt hätten, vor allem mit der Zustimmung Frankreichs, brutal zunichte gemacht. Die Spannungen bestehen nach wie vor. Dazu kommt noch die Unterdrückung der Berber, die separatistische Tendenzen verfolgen.

Schliesslich darf nicht übersehen werden, dass auch die Zukunft des Iraks nach dem Verlassen der amerikanischen Soldaten ungewiss bleibt.

Ungewiss ist deshalb die innenpolitische Zukunft der arabischen Staaten. In einzelnen Staaten, so in Saudi-Arabien, werden sich die Herrscher an der Macht halten können. In anderen Staaten ist deren Zeit abgelaufen. Wer nach ihnen kommen wird, ist ungewiss. Werden es demokratische oder islamistische Regierungen sein? Zur schwierigen innenpolitischen Lage dieser Staaten kommt die nicht minder problematische aussenpolitische hinzu. Bereits heute mischen sich Drittstaaten, wie der Iran und die Türkei, in die Angelegenheit der arabischen Staaten ein. Unter dem Vorwand, ein Modell für die Zukunft zu sein, geht es beiden Staaten tatsächlich um die Ausdehnung ihres Machteinflusses.
Relativ unbeholfen verhalten sich die europäischen Staaten. Unter dem Motto des Schutzes von Bevölkerungen erfolgen entweder militärische Einsätze – so gegen Libyen – oder es werden Sanktionen verhängt. Hinter kaschierenden Lobpreisungen der Demokratie, aber geblendet von der Gier nach den Rohstoffen der Region, übersehen die Europäer, dass ihre Zeit in der arabischen Welt schon lange abgelaufen ist: Denn nach dem Zerfall des osmanischen Reiches hat Europa keinen Beitrag zu einer hoffnungsvollen, stabilen Zukunft der arabischen Welt geleistet.

Und die USA? Sie sind bereits heute die eigentlichen Verlierer des arabischen Aufstandes. Bis anhin haben sich die Vereinigten Staaten für die Erhaltung ihrer Macht in dieser Region auf die Despoten gestützt. Jene Despoten, die überleben werden, so die Saudis, werden sich nach dem Ende des Aufstandes enttäuscht von den USA abwenden, denn sie wurden während des Aufstandes von den USA im Stich gelassen. Die gestürzten Despoten werden jedoch nicht automatisch durch westlich orientierte Demokraten abgelöst. Deshalb könnten die USA ihren Einfluss in der arabischen Welt verlieren.