Zum gegenwärtigen Zeitpunkt werden in drei Staaten der arabischen Welt blutige Bürgerkriege geführt: in Libyen, im Jemen und in Syrien. Alle drei Staaten haben ein gemeinsames Merkmal. Sie sind keine Nationalstaaten im westlichen Sinne. Ihre Einwohner sind Angehörige verschiedener Stämmen. Im Jemen wird der Krieg von den Sheiks und ihren Stämmen bestimmt, die allerdings durch Drittstaaten manipuliert werden. Schwerbewaffnete Stammeskrieger bringen die Angehörigen anderer Stämme um.

Ähnlich verhält es sich in Libyen. Machthaber Gaddafi kämpft mit ihm verbündeten Stämmen gegen andere arabische Stämme, die vor allem im Osten Libyens ihr Siedlungsgebiet haben. Seit die Ureinwohner Libyens, die bisher von Gaddafi unterdrückten Berber-Stämme, sich gegen den Machthaber gewendet haben, gleicht der Krieg einer Auseinandersetzung aller gegen alle.

Ähnlich verhält es sich in Syrien, wo die religiöse Minderheit der Alawiten – eine Sekte, die den Schiiten zugerechnet wird – bis anhin über sunnitische und christliche Araber herrschte. Am Ende wird der Konflikt aber aufgrund unterschiedlicher Stämme und nicht unterschiedlicher Religionen entschieden werden.

Stammesgesellschaften sind im arabischen Raum, aber auch in anderen islamischen Staaten die eigentlichen Träger der jeweiligen Gesellschaften. 1919 haben die Kolonialmächte Frankreich und Grossbritannien den arabischen Raum in Staaten aufgeteilt, die bis heute künstliche Gebilde geblieben sind und deren Stabilität nie gesichert war. Solange zwischen den jeweiligen Stämmen Frieden herrschte, waren die betreffenden Staaten lebensfähig. Konflikte konnten aber jederzeit ausbrechen und mussten die Existenz der Kunststaaten in Frage stellen. Die fehlende Überlebensfähigkeit der Kunstgebilde wird jetzt sichtbar.

Stämme existieren aber auch ausserhalb des arabischen Raumes. Ein Beispiel dafür sind die Kurden in der Türkei und im Irak, die Paschtunen in Afghanistan und Pakistan, und die Mongolen in der Inneren Mongolei Chinas. Auch Afrika wird von Stämmen bevölkert. Von all diesen Stammesgesellschaften ist jene der Paschtunen noch am intaktesten.

Wie funktionieren Stammesgesellschaften? Durch ein Stammesrecht wird der Friede innerhalb eines Stammes aufrechterhalten. Solange dieser Kodex – bei den Paschtunen das Paschtunwali – durch einen Stammesangehörigen befolgt wird, hat er Anrecht auf den Schutz des Stammes. Sobald er gegen dieses Recht verstösst, wird er ausgeschlossen. Gegenüber den Angehörigen eines anderen Stammes besteht ein anderes Verhalten. Für einen gewissen Zeitraum kann zwischen zwei Stämmen ein Friedensabkommen bestehen, das die Beziehungen zwischen ihnen und ihren Angehörigen regelt. Sobald ein Angehöriger eines Stammes gegen Angehörige eines anderen Stammes ein Verbrechen begeht – Mord, Entführungen, Diebstahl – kann dieser Zwischenfall zu Fehden und Kriegen zwischen den beiden betroffenen Stämmen führen.

Stammesgesellschaften dürften in der Menschheitsgeschichte die ersten grossen sozialen Organisationen gewesen sein, in welchen mehrere Grossfamilien den Schutz gegenüber überlegenen Feinden suchten. Haben diese heute noch eine Zukunft? Werden sie überleben? Die Antwort ist bereits gegeben: Vor der Eroberung durch Caesar war Gallien die Heimat vieler keltischer Stämme. Mit seiner Kriegführung hat Caesar sie konsequent ausgerottet. Ihre Sprache, Religion und Kultur sind verschwunden. Ein anderes Beispiel ist Nordamerika, das vor der Invasion durch die Europäer das Siedlungsgebiet vieler indianische Stämme war. Da die Kultur der indianischen Stämme mit den religiösen Werten und politischen Vorstellungen der Europäer nicht vereinbar war, wurden die Indianer innerhalb eines vierhundertjährigen Prozesses vernichtet. Wie ist diese Vernichtung erfolgt? Zuerst wurden die Ureinwohner Nordamerikas durch Krankheiten wie Pocken und billigen Schnaps geschwächt. Anschliessend wurden die Überlebenden durch die überlegenen Feuerwaffen der Weissen getötet. Der Rest wurde in Reservaten eingesperrt. Die Indianerkinder wurden entführt und in den Schulen, welche von Weissen geführt wurden, einer Gehirnwäsche unterzogen – so lange, bis von der indianischen Kultur und der Sprache nichts mehr übrig blieb. Heute existieren nur noch Reste dieser früher blühenden Stämme.

Der gleiche Vernichtungsprozess ist heute gegen die Millionen Angehörigen der arabischen, kurdischen, paschtunischen und mongolischen Stämme nicht umsetzbar. Deren Kultur und Existenz steht im Gegensatz zu den Interessen des Westens und Chinas. Deshalb dürften die Machthaber in China und im Westen die Vernichtung der Stammesgesellschaften auf dieser Erde beschlossen haben. Wie wird vorgegangen? Das Vernichtungskonzept wird am Vorgehen der Besatzungsmächte im Irak und Afghanistan erkennbar. Mit Geld werden Stammesführer gekauft, die Stämme manipuliert und zu einem sogenannten Waffenstillstand mit der Besatzungsmacht verleitet. Zum Friedensprozess gehört auch die Einrichtung von Schulen, die zur Entfremdung der jungen Araber und Paschtunen gegenüber der eigenen Kultur führen kann. Ist die Befriedung noch nicht erreicht, dann wird zuerst bombardiert und anschliessend werden die Siedlungsgebiete durch die fremden Truppen angegriffen. Dass dabei friedliche Stammesangehörige getötet werden, ist unwichtig. Sie sind lediglich Kollateralschäden.

Ist das Ziel der Vernichtung noch nicht erreicht, dann wird die Umwelt eines Stammes zerstört. Ein Beispiel hierfür ist die konsequente Zerstörung des Graslandes der Inneren Mongolei durch die rücksichtslose Rohstoffförderung der Han-Chinesen. Die Umweltzerstörung bewirkt, dass die Mongolen für ihre Herden keine Weiden mehr haben und sie dadurch ihre Lebensweise – die sie während Jahrhunderten, ja vermutlich während Jahrtausenden betrieben haben – nicht mehr aufrechterhalten können. Sie sind so gezwungen, in die chinesischen Grossstädte abzuwandern und verkommen dort meist im Elend. Das bekannteste Vorbild dazu ist die zielgerichtete Vernichtung der riesigen Bisonherden in den USA in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und die dadurch herbeigeführten Hungersnöte bei den Eingeborenen. Am Ende galt es, wie erwähnt, die Reste einzusammeln und das nun menschenleere Land an Spekulanten und Siedler zu vergeben.

Diese grossangelegten Vernichtungen von Stammesgesellschaften sind nicht anders als Genozide. Im Prinzip müssten sie durch den Internationalen Strafgerichtshof als Verbrechen gegen die Menschlichkeit geahndet werden.