Die Meldung über die Exekution von Osama bin Laden in den frühen Morgenstunden des 2. Mai in Abbottabad durch ein Team der SEAL (Sea-Air-Land) [1] schlug in den Medien ein wie eine Bombe. Sehr bald tauchten über den Hergang der Exekution widersprüchliche Meldungen auf. Zuerst liess man verlauten, bin Laden habe seiner Gefangennahme Widerstand geleistet und sei deshalb erschossen worden. Später hiess es dann, er sei im Halbschlaf überrascht und anschliessend erschossen worden.

Am 2. Mai erschienen in einzelnen Fernsehkanälen ganz kurz Bilder des Getöteten, die ein völlig entstelltes Gesicht zeigten. Offenbar war bin Laden mit einer grosskaliberigen Waffe, evtl. Kaliber 12/70 oder 12/76, einer automatischen Selbstladeflinte, aus kürzester Reichweite erschossen worden. Dadurch dürfte ihm vermutlich die Schädeldecke regelrecht weggeschossen worden sein. Danach erschienen keine Bilder mehr. Auf amerikanischer Seite, so auch von Präsident Obama, hiess es, die Bilder seien zu schrecklich und würden nur Hass auslösen. Bald danach liessen die Amerikaner verlauten, Osama bin Laden sei würdig im Indischen Ozean beerdigt worden. In Anbetracht der Tiefe des Indischen Ozeans wäre versenkt eher angebracht gewesen.

Der Verlauf der Ereignisse und die widersprüchlichen Informationen aus Washington warfen zwangsläufig Fragen auf. Warum dauerte es so lange, bis die Amerikaner bin Laden fanden? Warum konnte er jahrelang in Abbottabad in der Nähe der pakistanischen Hauptstadt Islamabad leben? War dies mit Wissen der Pakistani und ihres Geheimdienstes ISI (Inter-Services Intelligence) geschehen? War die Aktion mit oder ohne Zustimmung der Pakistani erfolgt? Warum wurde bin Laden, obwohl er keinen Widerstand leistete, standrechtlich erschossen? Warum wurde er nicht gefangen genommen? Warum schliesslich wurden an Stelle eines lebenden bin Laden Laptops, Harddisk, Videos, usw. ungehindert abtransportiert? Warum wurde er im Meer versenkt und nicht seinen Angehörigen für eine würdevolle Bestattung nach islamischem Recht übergeben? Fürchteten die Amerikaner, dass aufgrund einer Obduktion der Leiche die Art und Weise der Exekution sichtbar geworden wäre?

Sehr bald nach der Meldung über den Tod Osama bin Ladens brach in den USA eine Art Feier- und Jubelstimmung aus. So erschienen, vermutlich ausgelöst durch die Ansprache von Präsident Obama bei der offiziellen Bekanntgabe der Exekution, Überschriften in den Medien (International Herald Tribune, May 9, 2011), wie:

„Killing evil doesn’t make us evil“ oder „Why we celebrate a killing“!

So äusserte sich Maureen Dowd, wahrhaft keine republikanische Hardlinerin, zur Exekution wie folgt:[2]

„Unlike Osama, the Navy Seals took great care not to harm civilians – they shot Bin Ladens youngest’wife in the leg and carried two young girls out of harm’s way before killing Osama.
Morally and operationally, this was counterterrorism at its finest.
We have nothing to apologize for.”

War die Exekution von bin Laden etwa ein blosser Racheakt der USA für die Anschläge vom 11. September 2001 gegen New York und Washington, DC? Hatten die USA wirklich jahrelang nach dem Superterroristen Osama bin Laden gesucht, um ihm am Schluss durch eine grossangelegte Kommandoaktionen lediglich einen Kugel durch den Kopf zu schiessen? All dies waren zu einfache Erklärungen für die Hintergründe des Tathergangs. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR wusste jeder Fachmann, dass den USA in den neunziger Jahren das Feindbild fehlte und dass man auf der Suche nach einem neuen war. Bis zur Operation Allied Force von 1999 diente der serbische Machthaber Milosevic als kläglicher Ersatz dafür. Doch nach dessen Sturz musste ein besseres Feindbild her. Seit dem 11. September 2001 gab es das – Osama bin Laden und die Al-Kaida. Das Taliban-Regime in Afghanistan wurde Ende 2001 durch eine US-geführte Intervention gestürzt. Bin Laden entkam nach Pakistan. Damit war die Jagd auf ihn eröffnet. Mit der Existenz von Osama bin Laden begründeten zuerst Bush und nach ihm Obama die US-Intervention in Afghanistan und den Krieg gegen die Taliban.

Nach beinahe zehn Jahren – also fast nach der gleichen Zeitspanne wie die Besetzung von Afghanistan durch die UdSSR dauerte – ist dieser Krieg gegen die „nicht fassbaren“ Taliban zunehmend zu einer finanziellen Last und innenpolitischen Bürde für die Obama-Administration geworden. Seit seiner Amtseinsetzung will Obama die US-Truppen aus Afghanistan abziehen und das Land am Hindukusch der pakistanischen Armee als Aktionsfeld überlassen. Ein erster Schritt in diese Richtung war die Ernennung von General Petraeus zum Boss der CIA. Denn Petraeus war in seinem Amt als US-Oberkommandierender für Afghanistan in letzter Zeit für eine Befriedung von Afghanistan eingetreten – ein Ziel, das mit einem schnellen Truppenabzug nicht zu vereinbaren gewesen wäre. Das zweite Hindernis, das einem Abzug der US-Truppen im Weg stand, war die Existenz von Osama bin Laden. Dieser musste – und zwar für die US-Öffentlichkeit sichtbar – beseitigt werden. Deshalb hat Obama vermutlich den Einsatz eines SEAL-Teams gewählt. Eine Bombardierung der Villa von bin Laden durch B-2A-Bomber hätte alle Spuren ausgelöscht und niemand hätte an den Hinschied von Osama geglaubt. Die sichtbare Exekution war deshalb notwendig, denn so ist nicht nur der Abzug der US-Truppen aus Afghanistan begründbar geworden, sondern auch die Wiederwahl von Obama dürfte, trotz der sich in einem desolaten Zustand befindenden Wirtschaft, gesichert sein. Obama ist der Vollstrecker der Volksrache und damit ein Held der amerikanischen Öffentlichkeit, quasi ein John Wayne oder Gary Cooper der Wirklichkeit – den Fehdehandschuh in der sich abzeichnenden Konfrontation mit China kann er nach dem Abzug aus Afghanistan unbesorgt aufnehmen.

Trotzdem bleiben zwei Fragen offen: Ist die Leiche, die im Indischen Ozean versenkt worden ist, wirklich jene von Osama bin Laden? Einer der Söhne von bin Laden, Omar bin Laden, bestreitet dies [3]. Und schliesslich bleibt eine fast ketzerische Frage offen, die zu vielen Verschwörungstheorien geführt hat: War Osama bin Laden wirklich die treibende Kraft hinter den abscheulichen Anschlägen vom 11. September 2011? Kurzfristig hat die Exekution Obama einen politischen Bonus eingebracht, langfristig könnte sie die Glaubwürdigkeit der USA erheblich beeinträchtigen.

[1] Die SEAL-Teams sind am 1. Januar 1962 durch Präsident John F. Kennedy begründet worden und zwar im Hinblick auf den sich abzeichnenden Anti-Guerillakrieg der Amerikaner in Vietnam. “They were a newly formed and organized unit with a specific mission role that had been devised as a result of the growing possibility of a conflict in Vietnam, and the possibility of similar conflicts arising in the future.“ (Padden, Ian (1985). The Fighting Elite. U.S. Navy Seals. Bantam Books, Toronto, New York, London, Sydney, Auckland, S. 13).
[2] Dowd, Maureen, Killing evil doesn’t make us evil. International Herald Tribune, May 9, 2011, p. 6.
[3] Shane, Scott, and Carlotta Gall, Bin Laden sons accuse U.S. of ‚arbitrary killing’. International Herald Tribune, May 11, 2011, p- 5.

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