Je länger der Luftkrieg über Libyen andauert, umso sichtbarer wird, dass die europäischen NATO-Staaten, mit Ausnahme von Frankreich und Grossbritannien und ein paar weiteren willigen Staaten, nicht in der Lage sind, einen modernen Luftkrieg führen zu können. Die zu Tage getretene Unfähigkeit der NATO, im modernen Luftkrieg zu bestehen, wird der Weltöffentlichkeit täglich vordemonstriert. Immer wieder finden in diesem NATO-Luftkrieg auch Wechsel in der Strategie und der Taktik der Kriegführung statt. Das letzte Beispiel ist die Ankündigung der NATO, dass von nun an auch Führungseinrichtungen von Ghaddafi in die Zielplanung des Luftkrieges aufgenommen würden.

Entgegen den Behauptungen von Präsident Obama, dass Libyen ein Teil des europäischen Kriegstheaters sei und durch die Europäer selbst bewältigt werden müsste, wäre es sinnvoll, wenn die USA, im Interesse der Aufständischen, die Führung im Luftkrieg wieder übernehmen würden. Nur die USA könnten aufgrund ihrer Waffensysteme einen modernen konzipierten Luftkrieg führen. Entsprechend den Konzeptionen der modernen Luftkriegführung müsste dieser Krieg mindestens auf drei Ebenen geführt werden:

  1. Im Gegensatz zu den bisherigen zögerlichen Verlautbarungen der NATO sollte vor allem ein massiver Enthauptungsschlag mit Marschflugkörpern und GPS-gelenkten Bomben gegen die gesamte Führungsstruktur des Ghaddafi-Clans erfolgen. Die im Kosovo-Krieg von 1999 durch die damalige Clinton-Administration begangenen Fehler im Luftkrieg dürfen sich allerdings nicht mehr wiederholen. Das Zögern von Clinton, den serbischen Diktator Milosevic durch massive Schläge zu beseitigen, hätte beinahe zum Scheitern der damaligen NATO-Operation Allied Force geführt. Ghaddafi und seine Sippschaft müssen sich bei jedem Luftschlag bewusst werden, dass dies möglicherweise ihre letzte Sekunde in dieser Welt war.
  2. Notwendig wären auch massive Bombardierungen aller Ghaddafi-Truppen und ihrer Stützpunkte, so wie es 1944 die Alliierten gegen die Stellungen der Wehrmacht und die Waffen-SS in der Normandie ausgeführt haben. Diese massiven Bombardierungen gegen die Deutschen führten zum Zusammenbruch ihrer operativen Führung. Das geeignete Mittel für Bombardierungen dieser Art wären heute zweifelsohne die schweren Bomber B-52, deren Wirksamkeit insbesondere im Golfkrieg von 1991 bewiesen wurde.
  3. Durch Einsätze einer grossen Zahl bewaffneter Drohnen müssten die Stellungen der Ghaddafi-Söldner in den Städten aufgespürt und ausgeschaltet werden.

 

Ein Luftkrieg dieser Art wäre allerdings nicht der endgültige Garant für einen Sieg über Ghaddafi und seine Anhänger. Dazu wären weitere Massnahmen notwendig, so die Ausrüstung der Aufständischen mit modernen Waffen und eine Ausbildung im Gefecht der verbundenen Waffen durch amerikanische, britische und französische Ausbildner. Des Weiteren müssten die USA und ihre Verbündeten Fliegerleitoffiziere ins libysche Kriegstheater verlegen. Nur durch deren Präsenz und die Führung der alliierten Kampfflugzeuge gegen lohnende Ziele würde der Luftkrieg seine volle Wirkung erreichen.

Angesichts der militärischen Überdehnung der USA durch die Kriege im Irak und in Afghanistan und ihrer desolaten Wirtschafts- und Finanzlage stellt sich aber die Frage, ob die Weltmacht zu einer Führungsrolle im Libyenkrieg überhaupt noch in der Lage ist. Die Ablehnung der Übernahme einer Führungsrolle in diesem Krieg durch Präsident Obama kommt nicht von ungefähr. Wir sind zum gegenwärtigen Zeitpunkt Zeuge eines langsamen Machtzerfalls der USA, der mit dem Irak-Krieg eingesetzt und jetzt in Zentralasien mit dem gescheiterten Afghanistankrieg seine Fortsetzung findet. Der Aufstand in der arabischen Welt und damit der Sturz, der den USA gewogenen Despoten, könnte diesen Zerfallsprozess noch beschleunigen. Die Übernahme einer Führungsrolle im Libyenkrieg durch die USA dürfte sich sehr bald als Wunschtraum der Europäer erweisen.

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