In zunehmendem Masse kritisieren verschiedene Kreise den Luftkrieg der Nato über Libyen. Gemäss der libyschen Opposition geht die Nato zuwenig effizient gegen die Panzer von Gaddafi vor und fliegt auch zu wenige Einsätze. Des Weiteren kritisiert die militärische Führung der Opposition, dass schon in zwei Fällen Stellungen und Konvois der Opposition durch Kampfflugzeuge der Nato bombardiert wurden. Frankreich, so der Aussenminister Alan Juppe und der Generalstabschefs Admiral Edouard Guillaud, bezeichnet die Führung des Luftkrieges durch die Nato als unprofessionell. Offenbar als Entgegnung auf diese Kritik hat die Nato-Führung in ihrer letzten Statistik darauf hingewiesen, dass die Kampfflugzeuge der Nato in sieben Tagen insgesamt 1158 Einsätze, davon 471 Kampfeinsätze, geflogen seien. Allerdings muss im Vergleich zu den 1600 Einsätzen, davon 600 Kampfeinsätzen, der Amerikaner während einer Woche, die seit Montag keine Einsätze mehr über Libyen fliegen, die bisherige Leistung der Nato als ungenügend bezeichnet werden. Die Wirkung der Kampfeinsätze der rund 70 Kampfflugzeuge, die der Nato zur Verfügung stehen, dürfte ungenügend sein. Welches könnten die Ursachen dafür sein? Vor allem vier Faktoren sind massgebend:

  1. seit 1990 sind viele amerikanische Stabsoffiziere einem ständigen Kriegseinsatz ausgesetzt. So wurden während der amerikanischen Phase des Luftkrieges über Libyen die Kampfflugzeuge des 313th Air Expeditionary Wing durch das Führungszentrum 6173rd Air Ops Center geplant und eingesetzt, das für diesen Luftkrieg neu geschaffen und in dieser Funktion durch das bewährte 603th Air Ops Center unterstützt wurde. Dagegen obliegt die Einsatzführung der Nato in der neuen Phase des Luftkrieges europäischen Stabsoffizieren, von denen die meisten – mit Ausnahme der Briten – kriegsungewohnt sind und sich in einer langen Friedenszeit eine Beamtenmentalität angeeignet haben dürften. Solche Offiziere sind eigentlich für die Planung eines Kriegseinsatzes untauglich;
  2. die „Rules of Engagement“ der Nato sind offenbar darauf ausgerichtet in einem Luftkrieg unter allen Umständen Verluste unter der Zivilbevölkerung zu vermeiden. Solche Regeln erweisen sich aber in einem Ernstfall sehr schnell als unrealistisch;
  3. die bis anhin wirksamsten Erdkampfflugzeuge in diesem Luftkrieg waren die amerikanischen A-10C Thunderbolt II und AC-130U Spooky. Beide Kampfflugzeuge verfügen auch gegen bewegliche Erdziele (Panzer, usw.) über eine enorme Feuerkraft. Das Erdkampfflugzeug A-10C ist mit der Revolverkanone Kaliber 30mm ausgerüstet und wirkt als echter Panzerkiller. Über solche Flugzeugtypen verfügen die Europäer nicht. Zu lange haben sich die Europäer den Luxus von „Friedenswetter-Luftwaffen“ geleistet;
  4. neben den beiden erwähnten Erdkampfflugzeugen setzten die Amerikaner weitere Kampfflugzeugtypen in genügender Anzahl wie F-15E Strike Eagle, F-16 Fighting Falcon, AV-8B Harrier und EA-18G Growler ein. Des Weiteren wurden beinahe 200 Marschflugkörper BGM-109 Tomahawk von Unterseebooten und Überwasserkriegsschiffen abgefeuert. Nicht nur haben die meisten europäischen Staaten in ihren Arsenalen keine gleichwertigen Waffensysteme – mit Ausnahme die Briten –, sie haben auch zu wenige Kampfflugzeuge, die für eine wirksame Gefechtsfeldunterstützung geeignet wären.

Aufgrund dieser Schwächen muss damit gerechnet, dass sich der Luftkrieg lange hinziehen wird und zwar bis zu dem Zeitpunkt, in dem entweder die Nato den Luftkrieg aufgibt oder die Amerikaner wieder in den Luftkrieg eingreifen.