Dieses Interview erschien in der neuen Luzerner Zeitung vom 25.2.2011.

Ghadhafi holt afrikanische Söldner, die für ihn das blutige Handwerk verrichten. Albert A. Stahel glaubt, dass Söldnerfirmen oder ganze Staaten dahinterstecken.

Albert A. Stahel, Muammar el Ghadhafi hat offenbar Tausende afrikanische Söldner ins Land geholt, welche gegen die Demonstranten vorgehen sollen. Was sind das für Leute?
Albert A. Stahel: Die Söldner dürften vor allem aus Tschad und Niger, eventuell auch aus Osteuropa kommen. Es handelt sich wohl um Leute, die schon in ihrer Heimat an Bürgerkriegen teilgenommen haben.

Wie ist es möglich, dass Ghadhafi innert Tagen einen solchen parallelen Machtapparat auf die Beine stellen konnte?
Stahel: Das musste er gar nicht. Ghadhafi hat in den letzten Jahrzehnten eine Prätorianergarde an fremden Söldnern aufgebaut, um sich selber zu schützen. Sie gehören zum innersten Sicherheitskreis um Ghadhafi, während die Armee zum äusseren Kreis gehörte. Vermutlich hat Ghadhafi jetzt einfach zu den bereits verfügbaren Söldnern noch zusätzliche angeheuert. Aber das ist nichts Ungewöhnliches. Alle Despoten stützen sich auf Söldner. Dazu könnte ich Ihnen viele Beispiele aus der Geschichte nennen.

Bitte.
Stahel: Schweizer Patrizier liessen sich beispielsweise vom französischen König bezahlen, um mit angeworbenen Regimentern und einer Garde dessen Macht zu verteidigen. Eine Eigenheit von Despoten ist es, dass sie ihrem eigenen Volk nicht trauen und lieber Fremde anheuern, um sich zu schützen. Hitler hat das auch gemacht: Er traute der Wehrmacht nicht – zu Recht, wie man inzwischen weiss. Deshalb baute er die SS auf. In dieser dienten auch Söldner und so genannte Volksdeutsche aus Osteuropa. Aus der Gegenwart ist beispielsweise der jordanische König zu erwähnen, der sich von Kaukasiern schützen lässt. Auch der Sultan von Oman nimmt die Dienste von Belutschen aus Pakistan in Anspruch.

Es gibt Gerüchte, wonach die Söldner in Libyen Kopfprämien kassieren – zum Beispiel 9000 Euro für jeden getöteten Demonstranten.
Stahel: Das ist durchaus möglich – aber ebenfalls nicht ungewöhnlich.

Allerdings leben auch die Söldner gefährlich. Einige von ihnen sollen bereits gelyncht worden sein, und das Ende der Ghadhafi-Herrschaft ist absehbar. Weshalb lassen sich die Söldner überhaupt auf diesen Handel ein?
Stahel: Meine Theorie ist, dass nicht einzelne Söldner angeheuert wurden, sondern dass ganze Staaten und Organisationen dahinterstecken.

An welche Länder denken Sie konkret?
Stahel: Insbesondere an Tschad und Niger. Möglich ist auch, dass die Rekrutierung über Söldnerfirmen lief und läuft. Ich könnte mir vorstellen, dass eine Söldnerfirma wie Xe Services, die frühere Blackwater, die Finger im Spiel hat.

Was geschieht mit den Söldnern, wenn Ghadhafi fällt?
Stahel: Solange ihn die Söldner unterstützen, wird sich Ghadhafi vermutlich halten können. Doch irgendwann werden sie wohl versuchen, sich abzusetzen. Das ist dann gleichzeitig das Ende des Regimes.

Unterstützung geniesst Ghadhafi auch nach wie vor durch die libysche Armee. Diese scheint wesentlich loyaler als diejenige in Ägypten, wo sich die Soldaten rasch mit der Bevölkerung solidarisierten. Was läuft in Libyen anders als in Ägypten?
Stahel: Ghadhafis Macht beruhte in erster Linie auf der Unterstützung durch seine eigenen Stammesgenossen, die auch grösstenteils die Offiziere der Armee stellten. Der Aufstand besteht nun darin, dass sich andere Stämme mit Armeeteilen gegen Ghadhafi erhoben haben. So ist es zu erklären, dass ihn ein Teil der Armee weiter verteidigt und ein anderer Teil ihn bekämpft. In Ägypten hingegen war Mubarak den Generälen im Weg. Das Volk half mit, ihn zu beseitigen.

Es war also gar kein Volksaufstand in Ägypten?
Stahel: Nicht in erster Linie – genauso wenig wie in Libyen. Ägypten wird seit Jahrzehnten durch ein Militärregime regiert. Der Präsident kam immer aus der Armee.

Dann wird Ägypten einfach ein weiteres Militärregime erhalten?
Stahel: Das ist nicht sicher. Es ist durchaus möglich, dass sich im Zuge der Ereignisse in Ägypten ein Prozess anbahnt, der künftig mehr Mitsprache der Bevölkerung verspricht.

Wie solllen sich die westlichen Staaten jetzt verhalten: Sollten sie in Libyen militärisch intervenieren?
Stahel: Man wird sich hüten, in einem Bürgerkrieg zu intervenieren. Denkbar ist einzig, dass die USA den Luftraum über Libyen sperren, damit keine weiteren Söldner ins Land gelangen. Die übrigen Länder und Staatschefs werden sich wohl damit begnügen, den verlorenen Investitionen nachzutrauern – namentlich Silvio Berlusconi, Angela Merkel und Nicolas Sarkozy.