Stahel_11-02-11_2Dieses Interview erschien im Tagesanzeiger vom 11.2.2011.

Nach dem Rücktritt Mubaraks vergleicht Militärexperte Albert A. Stahel die Situation in Ägypten mit der Revolution im Iran. Die Zukunft des Landes liege nun in den Händen der Generäle.

Haben Sie schon einmal etwas Vergleichbares erlebt wie jetzt in Ägypten?
In dieser Art schon. Ich denke dabei an die Revolution in Iran 1979, als der Schah gestürzt wurde und die Ajatollas die Macht übernahmen. Der grosse Unterschied ist aber, dass damals das Militär keine Rolle spielte.

Übernehmen in Ägypten jetzt auch die Fundamentalisten die Macht?
Es kommt darauf an, ob es den Generälen gelingt ihre Machtstellung zu konsolidieren. Es könnte innerhalb der Armee zum Putsch kommen. Wäre das der Fall, müsste man damit rechnen, dass die Bedeutung des Islams zunimmt.

Warum?
Weil alle Obristen in der ägyptischen Armee eher dem Islam zugeneigt sind.

Wie hoch schätzen Sie die Chancen ein, dass es zu einem internen Putsch kommt?
Fünfzig zu Fünfzig. Es hängt alles vom Geschick der Generäle ab. Wenn sie die Probleme der Staatsführung nicht sorgfältig lösen und die Gelder von Mubarak und den reichen Familien wie jener von Sawiris einziehen, könnte es innerhalb des Militärs zum Putsch kommen.

Welche Rolle spielt der Nachbar Israel?
Die Israelis sind jetzt am Zittern und hoffen, dass die Obristen nicht an die Macht kommen. Bei einer Stärkung des Islams würden sich die bisher guten Beziehungen der beiden Länder verschlechtern.

Wie wird das Volk weiter auf den Rücktritt reagieren?
Das Volk hat mit seinem Aufstand etwas wichtiges ausgelöst. Es hat das Regime in Frage gestellt. Aber jetzt ist es nur noch Zuschauer.

Würde das Volk eine Machtergreifung der muslimischen Obristen goutieren?
Die Macht ist bei der Armee und nicht beim Volk. Das Militär kontrolliert die Machtstrukturen. Aber die Bevölkerung ist zu 90 Prozent muslimisch und nur zu 10 Prozent christlich.

Welche Rollen spielen nun Vizepräsident Omar Suleiman und Oppositionspolitiker Mohammed Al Baradei?
Suleimann spielt nur eine ausführende Rolle. Er ist lediglich ein Sprachrohr. Al Baradeis Rolle wird ebenfalls unbedeutend sein. Er ist eine Traumfigur der westlichen Medien. Mir fällt da ein alter Spruch von Mao Zedong ein: „Die Macht kommt aus den Gewehrläufen.“ Er war ein Zyniker und Machtpolitiker – er musste es ja wissen.

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