Stahel_11-02-11Dieses Interview erschien im Tagesanzeiger vom 11.2.2011.

Die Welt erwartete in Ägypten einen Militärputsch, doch nun stellen sich die Generäle hinter Mubaraks Übergangsregierung. Eigentlich mache dies keinen grossen Unterschied, sagt Militärexperte Albert A. Stahel.

 

Herr Stahel, Gerüchte, dass die Armee die Macht in Ägypten übernommen hat, erwiesen sich als falsch. Was bedeutet das für das Land?
Die Armee hat Mubaraks Regime zwar erhalten, hält nun aber die Zügel in der Hand. Entscheidend ist, dass der Oberste Rat ohne Mubarak getagt hat. Der ägyptische Präsident hat nun das Oberkommando über die Streitkräfte abgegeben. Die Frage ist jetzt, wer die Befehlsgewalt hat: der Oberste Rat des Militärs oder Vizepräsident Omar Suleiman? Das ist im Moment noch unklar.

Was geschieht nun als Nächstes?
Das lässt sich schwer voraussagen. Wichtig ist letztlich die Frage, ob sich die Armee mit ihrer Strategie durchsetzen kann.

Dafür braucht sie die Unterstützung der Bevölkerung. Wird das Volk den Entscheid der Armee akzeptieren?
Das Volk spielt in der nächsten Phase eine untergeordnete Rolle. Die Frage ist, wie die Armee selber reagiert. Es ist denkbar, dass es einen Putsch innerhalb der Armee gibt – zum Beispiel, wenn die unteren Ränge gegen die Generäle rebellieren. In der nächsten Phase kommt es deshalb nicht primär aufs Volk an, sondern auf das Militär.

In einer ersten Reaktion zeigen sich die Ägypter auf den Strassen aber enttäuscht.
Das ist verständlich. Die heikle Frage ist jetzt, wie das Militär mit dem Volk kommuniziert. Und es kommt darauf an, wie sich die Generäle verhalten. Wenn sie nichts unternehmen, wird das Volk weiter demonstrieren.

Was muss das Militär jetzt tun, um die Ägypter nicht zu enttäuschen?
Die Armee müsste das Vermögen von Mubarak und den Oligarchen einziehen. Im Prinzip dürfte dies auf eine Enteignung hinausgehen. Interessant werden dann auch die Gelder sein, die Mubarak und seine Gefolgsleute in London, in der Schweiz und in den USA haben. Auf die Verteilung des Vermögens müsste zudem ein Wirtschaftsprogramm folgen. Wenn all dies geschieht, ist es gut denkbar, dass sich die Ägypter vorerst zufrieden geben.

Und wie wird sich das Ausland zum Entscheid der Armee stellen, Mubarak nicht sofort abzusetzen?
Das Ausland wird sich mit den Entwicklungen arrangieren – unabhängig davon, wer in Ägypten die Macht hat. Die USA können keinen Konfrontationskurs einschlagen, das geht nur schon wegen der strategischen Bedeutung des Landes nicht. Der Suez-Kanal und die Nähe Ägyptens zu Israel sind zu wichtig. Und was die Europäer sagen, ist bedeutungslos. Letztlich sind sie nur Mitläufer der USA.

Werden Gruppierungen wie die Muslimbrüder die Armee als heimliche Strippenzieherin akzeptieren?
Wenn sich die Armee durchsetzen kann, wird sie die Muslimbrüder auf Distanz halten – so wie das schon Mubarak getan hat. Diesbezüglich wird es keine grossen Änderungen geben.

Mubarak bleibt bis im Herbst im Amt. Welche Rolle wird er in der nächsten Zeit noch für Ägypten spielen?
Keine. Er spielt schon jetzt keine Rolle mehr. Wenn er sagt, er wolle einen friedlichen Übergang, ist das Unsinn. Ihm geht es jetzt nur noch um sein Vermögen, das er angehäuft hat.

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